Sei einfach still

Ich bin fassungslos, jedes Mal aufs Neue, wenn ich bei mir selbst oder auch bei anderen, die gerade einen Verlust erlitten haben, mitbekomme, wie sich Menschen herausnehmen, zu beurteilen, wie wir zu trauern haben.

Dann hört man von ihnen sowas wie…

Du trauerst zu lange.

Du trauerst zu kurz.

Zu öffentlich.

Zu still.

Zu emotional.

Zu gefasst.

Du klammerst zu sehr.

Du distanzierst dich zu schnell.

Jetzt schon ein neuer Hund?

Warum noch kein neuer Hund?

Warum schaust du dir so viele Bilder von ihm an?

Warum schaust du dir keine Bilder von ihm an?

Zu wenig Tränen.

Zu viel Alltag.

Deine Trauer ist zu laut.

Dein Rückzug zu leise.

Es war doch nur ein Hund.

Sei doch froh, dass deine Angehörigen noch leben.

Das ist doch nur eine ganz normale Trauerphase. Reiß dich zusammen!

Das ist doch keine normale Trauerphase. Hol dir Hilfe!

Egal, was man macht.

Irgendwer wird dir sagen, dass deine Trauer falsch ist.

Und er wird dir ungefragt erklären, wieso.

Warum mich das so aufregt?

Weil es bedeutet, dass Menschen, die gerade einen der schlimmsten Verluste in ihrem Leben erlebt haben, anfangen, sich und ihre Trauer zu hinterfragen.

Die sich verstecken, sich schämen, sich nicht mehr trauen, ehrlich zu ihren Gefühlen zu stehen und sich fragen:

Was läuft nur falsch bei mir?

Denen das Herz gebrochen wurde, die gerade dabei sind, es mit aller Mühe zusammenzuflicken und das ungesehen von anderen.

Nicht, weil sie es so wollen, sondern weil es sonst noch schwerer ist.

Es wird heimlich geweint, hinter verschlossenen Türen oder unter der Bettdecke.

Es wird heimlich geschrien, im Auto oder im Badezimmer in ein Handtuch.

Auf die Frage, wie es einem geht, antwortet man schulterzuckend: „Mir geht’s gut!“, obwohl man innerlich zusammenbricht.

Man erzählt niemandem von dem neuen Hund, den man adoptieren möchte, erzählt nicht, wie sehr man noch leidet, wie sehr es schmerzt, wie sehr man strauchelt, wie dunkel das Loch ist, in dem man sich befindet.

Aus Sorge vor Unverständnis und vor allem Belehrungen.

Und dass man sich gezwungen sieht, all diese Gefühle mit sich selbst auszumachen, ist grausam.

Richtig, richtig grausam!

Trauer ist doch keine Disziplin, kein gesellschaftlicher Wettbewerb, bei dem man sich vor allen zur Schau stellt und von anderen bewertet werden möchte.

Anstatt anderen das Gefühl zu geben, dass es nicht richtig ist, wie sie trauern, sollte man begreifen, was es bedeutet, dass sie trauern.

Denn es heißt, es gab etwas in ihrem Leben, das ihnen so viel bedeutet hat, dass ihnen der Verlust so den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Ihr Herz Schaden genommen hat, ihre Seele, sie selbst.

Da steht jemand vor dir, dessen Welt zusammengebrochen ist und du belehrst ihn, dass es doch nur ein Hund war?

Wenn du nicht nachvollziehen und kein Verständnis in so einer Situation für andere aufbringen kannst, warum kannst du nicht wenigstens still sein?

Sei einfach still.

Höre hin, höre zu, höre das, was zwischen den Zeilen ist.

Erkenne an, dass da jemand ist, dem sein Herz gebrochen wurde und der nun dennoch vor dir steht und sein Leben irgendwie weiter lebt.

Der gerade dabei ist, etwas zusammenzuflicken, das jederzeit wieder aufreißen kann… und wird.

Der so stark ist, wie kaum ein anderer, dem du in der letzten Zeit begegnet bist.

Der so ein großes Glück hatte, so eine starke Liebe und Verbindung zu einer anderen Seele gespürt zu haben.

Der SEINEN Weg gehen und aus der Trauer hinaus finden wird, mit oder oder deine Meinung.

Aber dem du es auf seinem Weg ein bisschen leichter machen kannst, wenn du einfach still bist.

Sei einfach still.

Nico ❤️

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