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SCHEISS AUF LISTEN

Liebes Tagebuch,

was ich hasse, wirklich hasse, ist es, in Schubladen zu denken.

Du kennst das sicher: Man sieht jemanden oder hört von jemandem oder liest oder was auch immer und die Schublade geht auf, dieser jemand wird hineingesteckt, Schublade zu und kein Gedanke wird mehr an ihn verschwendet. Es ist so einfach und geht so schnell. Ich hasse dieses Denken und dennoch erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich manchmal ganz langsam und vorsichtig diese Schublade öffne. Dann muss ich mich immer wieder daran erinnern, was ich davon doch halte und schließe die Schublade wieder, BEVOR ich etwas oder jemanden dort hinein gepackt habe.

Jemanden auf eine Liste zu setzen, ist das gleiche in grün oder schwarz. Eine Liste ist wie in Schubladen zu denken. Jemand, der auf dieser Liste steht, wird in eine Schublade gesteckt. Besser ganz schnell, sonst müsste man sich ja doch noch mit ihm beschäftigen, ihn kennenlernen, völlig unnötig, er steht ja auf der Liste.

Ich hasse das, wirklich. Das Wort verwende ich ganz selten. Ich bin nicht auf dieser Welt um zu hassen. Es ist ein viel zu schlimmes Gefühl und taucht die eigene Welt in schwarz und grau, obwohl sie kunterbunt sein sollte. Aber das hasse ich wirklich. Ich finde es nicht fair, sich keine eigene Meinung zu bilden, sein gegenüber nicht als Individuum anzusehen. Denn steckt man mal in einer Schublade, steht man mal auf einer Liste, kommt man kaum noch davon weg. Der Stempel, den man aufgedrückt bekam, ist tiefschwarz und nicht abwaschbar.

Zu diesem Thema habe ich gestern einen Beitrag auf meiner Facebookseite gepostet. Ich mag das sehr, die Hunde selbst in solche Themen miteinzubeziehen. Ich glaube, dass uns schon sehr bewusst ist, wie stark und schlau sie sind und dass sie uns in vielen Dingen sehr voraus sind. Manchmal sollten wir alle etwas mehr wie unsere Hunde sein.

Damit du, liebes Tagebuch, auch weißt, wovon ich hier schreibe, schreibe ich dir den Text von gestern auch schnell noch hier hin. Gezeigt habe ich dabei ein Bild von der süßen Lina, die mich letzte Woche besucht hat und die das Thema für mich wieder so aktuell machte….

Stelll‘ dir vor, unsere Hunde hätten eine Liste.
Eine Liste, die ihnen sagt, wen sie gut finden und wen nicht, vor wem sie Angst haben sollen und vor wem nicht, wen sie sich genauer anschauen sollen und bei wem es nicht nötig ist, wem sie mit Abstand begegnen sollen und bei wem nicht.
Eine Liste, die über gut und böse entscheidet.
Für diese eine Person und für alle die zu viel mit ihr gemein haben.
Eine Liste, die ihnen vorgibt, alle über einen Kamm zu scheren, nicht individuell über Sympathie zu entscheiden, sondern prinzipiell alle, die auf dieser Liste stehen, mit Skepsis zu betrachten und vom Grunde her erstmal vom Schlechten auszugehen und bestenfalls und einfacheitshalber dabei zu bleiben.
Im Endeffekt sind alle auf dieser Liste gleich. Punkt.
Alle Männer mit breitem Kopf und Halb- bis Ganzglatze sind böse.
Alle Frauen mit dunkler Bomberjacke sind übel drauf.
Alle Muskelprotze, die mit stolz geschwellter Brust herumrennen, sind gemein, vielleicht sogar gefährlich.
Alle die schwarz tragen sind prinzipiell teuflisch.
Alle die grimmig schauen, sind es auch.
Alle Männer mit kurzen Beinen und dicker Wampe sind mit Vorsicht zu genießen.
Alle Frauen mit kurzer Nase und breitem Kiefer und ganz, ganz kurzen Haaren sollten gemieden werden.
Alle Dunkelhäutigen sind kriminell.
Alle Bartträger sind asozial.
Ebenso Familien, die mehr als 3 Kinder haben.
Frauen, die tätowiert sind oder Piercings haben oder, Gott bewahre, beides, sind es auch.
Jedem eine Chance geben, ihn kennenlernen und dann zu entscheiden, wie man ihn findet? Warum? Sie stehen auf dieser Liste und damit sind sie alle gleich, gleich böse.
Wie schön einfach es ist doch ist.

Stell‘ dir vor unsere Hunde hätten eine Liste.
Eine Liste, die ihnen sagt, wen sie gut finden und wen nicht.
Sie würden drauf pinkeln und drauf scheißen .
Im übertragenen Sinne und wortwörtlich.
Sie nehmen sich das Recht heraus, bei jedem, dem sie begegnen ganz individuell zu entscheiden, ob sie ihn gut finden oder nicht.
Sie geben jedem eine Chance. Jedem. Meist völlig unvoreingenommen.
Selbst wenn es in ihrer Vergangenheit Grund gab, auf bestimmte Hunde oder Menschen mit Skepsis zu reagieren, so scheren sie doch niemanden über einen Kamm.
Sie haben verstanden: Niemand ist gleich. Jeder sollte und muss für sich gesehen werden.

Also sei kein Arschloch!
Sei wie die Hunde!
Auch du hast das Recht, selbst zu entscheiden.
Scheiß auf Listen und schere dein Gegenüber nicht über einen Kamm oder stecke es in Schubladen.
Wir sind Individuen, keiner gleicht dem anderen.
So sollten wir andere wahrnehmen und annehmen.

Gib anderen und dir die Chance zu beurteilen bevor du verurteilst.

Gib Chancen!

Du, liebes Tagebuch, denkst so wie ich. Das weiß ich. Was das angeht, sind wir gute Menschen. Also ich bin ein Mensch, was du bist, weiß ich nicht so recht. Und auch alle Hunde sind gute Menschen, irgendwie. Vielleicht auch die besseren Menschen. In vielen Dingen ganz sicher. Wir sollten alle so gute Menschen sein, wie unsere Hunde. Die Welt wäre dadurch ein viel schönerer Ort.

Deine Julia

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