„Es geht mir doch gut!“, sagt mein Kopf.

„Ich brauche noch Zeit!“, sagt meine Seele.

5 Wochen ist es nun her, dass wir Nico gehen lassen mussten.

5 Wochen, die wie ein Fingerschnipps vorbei gegangen sind oder wie ein Wimpernschlag oder ein Flügelschlag, was auch immer.

Auf jeden Fall gingen sie wahnsinnig schnell vorbei.

Ich weiß alles noch so genau, jeden Moment dieses Tages kann ich in meinem Kopf durchspielen und das bei meinem Hirn, das vom Grunde her siebähnliche Eigenschaften besitzt.

So, als wäre es erst gestern gewesen und dennoch fühlt es sich an, als leben wir schon ewig dieses Leben, das wir gerade führen. Ohne Nico, mit Nela.

Ich komme ganz gut mit Nicos Tod zurecht. Oder sagen wir, besser, als ich dachte. Mein Kopf weiß, es war richtig so. Alles. Der Tag, der Moment, alles, was wir noch versucht haben und alles, was wir sein lassen haben, die letzten Augenblicke mit ihm. Alles war richtig so.

Nico geht es gut jetzt, so gut. Das spüre ich. Und wenn es ihm gut geht, kann es mir nicht schlecht gehen.

Aber wenn ich doch ganz gut zurechtzukommen scheine mit Nicos Tod, wieso fühle ich mich seit 7 Wochen wie gelähmt? Warum schaffe ich es nicht, in meinen Alltag und vor allem in meine Arbeit als Hundefotografin zurückzufinden? Das frage ich mich seit Tagen und ich weiß nun, warum.

Auch, wenn mein Kopf Nicos Tod vom Grunde er annehmen kann, muss meine Seele dennoch verarbeiten, was vor und seit 7 Wochen passiert ist.

Angefangen mit der niederschmetternden Diagnose Nierenversagen, fast schon im Endstadium, obwohl Nico doch einfach nur nicht mehr so richtig fressen wollte, über zig Tierarztbesuche, das Abwägen von Behandlungsmöglichkeiten, die bleierne Schwere, die auf einem lastet, wenn man den Druck spürt, dabei bloß nicht falsch zu entscheiden, ihm bloß keine Chance zu nehmen, die 50 verschiedenen Meinungen von 60 verschiedenen Menschen zu hören und abzuwägen, welche dafür für uns tatsächlich relevant sind, damit klarzukommen, dass sich Hoffnung und Ernüchterung und Angst in einer Dauerschleife die Hand reichen, dem Hund dabei zuzusehen, wie er jeden Tag weniger wird, jeden Tag weniger er selbst ist, sich irgendwann klar zu machen, dass man ihn nun an seinen letzten Tagen begleitet, ihm zuzuschauen, wie er jeden Tag dem Tode näher kommt, ihn zu tragen, obwohl der Körper schreit, ihn zu halten, obwohl die Seele schreit, einen Termin auszumachen, an dem er sterben wird, die traurige Stimme der netten Tierarzthelferin am Telefon zu hören, die ins Telefon flüstert: „Aber Frau Heise, Sie kommen nicht alleine, das müssen Sie mir versprechen!“, den letzten Spaziergang mit ihm zu machen, seine erste und letzte Fahrt in einem Bollerwagen, das letzte Mal Zuhause gemeinsam einschlafen, das letzte Mal gemeinsam aufwachen, das letzte mal in der Sonne baden, das letzte Mal kuscheln, die letzte Autofahrt, ihn in der Praxis anmelden, den Blick einer weiteren netten Tierarzthelferin sehen, als sie hört, wer ich bin, ihr zu sagen: „Bitte, bitte schauen Sie mich nicht so an, sonst muss ich heulen!“, während ich anfange zu heulen, meinen Seelenhund eng angekuschelt umarmen, während wir im Kofferraum auf dem Parkplatz der Klinik auf den Tierarzt warten, weil wir es ihm nicht mehr zumuten wollen, in die Praxis zu müssen, dem Arzt zuzuhören, der erklärt, wie der Körper auf die Spritzen reagiert, die Nico erhalten wird und sie ihm dann verabreicht, ihm ins Ohr flüstern, was man ihm schon tausende Male gesagt hat, sehen, wie seine Muskeln zucken und gleichzeitig der Glanz aus seinen Augen verschwindet, spüren, wie sich sein Brustkorb das letzte Mal senkt, sich mit einem Handschlag vom Tierarzt verabschieden, sich bedanken, für all das, was er die letzten Jahre für Nico getan hat, mich mit einer Umarmung von meiner Mama verabschieden und mich mit einer Umarmung von Oli gemeinsam von Nico verabschieden, wie abgesprochen beim Tierbestatter anrufen und mich sagen hören: „Wir sind hier fertig und machen uns auf den Weg.“, Nico dort etwas Fell abschneiden, ihn umlagern, zudecken, ein letztes Mal umarmen und küssen und ohne ihn nach Hause fahren, wo Schwiegermama und die Jungs warten,…

Das war scheiße, alles davon. Es war schwer, so schwer, zu schwer.

Ich hatte die Kraft dafür, weil Nico keine mehr hatte und meine Kraft gebraucht hat. Weil ich für ihn da sein wollte, da sein musste. Ich war in dem Moment nicht wichtig.

Ein paar Tage schaffte ich es noch, weiter so zu funktionieren, bis der Zusammenbruch kam.

Nico ist gegangen und so gab es keinen Grund mehr für mich, noch stark zu sein.

Seitdem befinde ich mich in meinem persönlichen, emotionalen Ausnahmezustand und verstehe erst seit ein paar Tagen, dass obwohl ich weiß, dass es richtig war, Nico gehen zu lassen, diese Zeit und ihn so intensiv zu begleiten, dennoch sehr traumatisch für mich war.

Ich erhole mich erst langsam, meine Seele tut es. Mein Kopf schiebt hingegen schon wieder die übliche Panik, macht mir Vorhaltungen, weil ich mich nicht um die Wäsche kümmere, duschen für mich ein to-do auf einer Liste und keine Selbstverständlichkeit ist, ich mich so lange nicht um „Lizbeth“ gekümmert habe, er 10 Schritte weiter ist, als ich, mehr will, als ich gerade leisten kann und mir keine Ruhe lässt. Für ihn ist schließlich alles „fein“.

Ich komme nur sehr schwer hinterher und mache mir unglaublichen Druck. Kopf und Seele sind gerade nicht im Einklang und während ich der Seele zuflüstere, dass sie alle Zeit der Welt hat, um zu heilen, schreie ich in meinem Kopf, dass ich mich zusammenreißen und ab morgen endlich wieder in meinen Alltag finden werde, ganz bestimmt, versprochen! Damit er endlich mal still ist. Und das verspreche ich ihm seit Wochen jeden Tag.

Diese Welt, unsere Welt, ist verkopft, sie ist nicht gemacht für gebrochene Seelen, die Zeit zum Heilen brauchen.

Wir müssen funktionieren, zumindest sollten wir das, schaffen wir es mal nicht, spüren wir Druck, haben ein schlechtes Gewissen und fühlen uns unverstanden, selbst, wenn es gar nicht so ist.

Wir haben einen Verlust erlebt und das auf eine sehr traumatische Weise und möchten oder müssen sogar weiter machen, als hätten wir nicht gerade einen Teil von uns selbst verloren.

Diese verkopfte Welt dreht sich einfach weiter, als wäre alles, wie immer, als wären wir wie immer. Dabei stand auch mein Herz am 2. April 2026 um 17:55 Uhr für einen kurzen Moment still und als es begann, wieder zu schlagen, war nichts mehr, wie vorher, ich war nicht mehr, wie vorher.

Alles hat sich verändert. Einfach alles.

Ich schaue auf diese verkopfte Welt, die sich unerbittlich weiterdreht und versuche einen neuen Platz darin zu finden. Wieder aufzuspringen, wieder mitzulaufen, wieder Teil zu sein.

Während meine Seele mir sagt:

„Ich brauche noch Zeit!“ und mein Kopf mir sagt:

„Es geht mir doch gut!“.

Ich werde diesen neuen Platz finden und wer mir dabei gerade eine ganz große Hilfe ist, ist mein Rudel und auch Nela.

Heute Morgen hat sie sich das erste Mal ins Bett getraut und hat sich so über ihren Mut gefreut. Wir haben gekuschelt und rumgealbert.

Einen Tag, nachdem wir Nicos Diagnose erhalten hatten, hatte sie sich auf den Weg nach Deutschland zu ihrer Pflegefamilie gemacht. Niemand von uns ahnte, dass sie 5 Wochen später in unserem Bett liegen würde.

Und wenn diese Maus es schafft, einen neuen Platz in dieser, in unserer Welt, zu finden, die so ganz anders ist, als die, die sie von Spanien kannte, wenn sie es schafft, auf diese Welt aufzuspringen, mitzulaufen und ein Teil zu sein, dann schaffe ich das auch.

Unsere Seelen heilen nun gemeinsam.

Siehst du Kopf, heute habe ich es geschafft! Mit diesem Text habe ich endlich wieder einen Schritt zurück in meinen Alltag gemacht, einen Schritt näher zu meinem neuen Platz in dieser Welt.

Und morgen, morgen schaffe ich das auch, ganz bestimmt, versprochen!

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