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„Das Leben und seine Geschenke“ oder auch „Nicos Weg in unsere Herzen“

Liebes Tagebuch,

in der letzten Zeit muss ich oft darüber nachdenken, wie Nico zu uns gefunden hat.

Auf so eine völlig verrückte, ungeplante, so schöne Art, wie nur das Leben selbst es vollbringen kann.

Ich sehe ihm gerade dabei zu, wie er sein Spielzeug umher schmeißt, ganz für sich, in seiner eigenen Welt. Er braucht uns dafür nicht. Weder mich, noch Oli, noch Emmy, Luke und Patch.

Er braucht dann nur sich und sein Spielzeug und seine Welt.

Seine Welt, die vor einigen Monaten noch düster, beängstigend, einsam und ohne Hoffnung war. Er konnte nicht ahnen, dass er heute bei uns sein würde.

Und ich auch nicht.

Oft sehe ich ihn an, streichel ihn, lache mit ihm oder über ihn und mir kommen die Tränen. Tränen vor Glück, aber auch vor Traurigkeit, weil ich um das Leben weiß, dass er viele Jahre führen musste. Ein Leben, das er nicht verdient hatte, das niemand verdient hat.

Er ist ein besonderer Hund. Ja, jeder Hund ist besonders. Auch Emmy, Luke und Patch sind besonders, aber er…. er ist einfach sehr besonders. Für mich sehr besonders.

Ich kann nicht vergessen, wie ich ihn in Spanien gesehen habe, in diesem Zwinger, in dieser Plastikschale, die sein Schlafplatz war, den ganzen Tag über, weil er sich nicht traute, aufzustehen. Er war niemand in dieser kleinen Gruppe von Hunden. Er war der Niemand. Er war nichts. Er war das Nichts. Wie muss er sich vorgekommen sein?

Alles, was er zu diesem Zeitpunkt hatte, war eine dramatische und traumatische Vergangenheit, gefüllt mit Schmerz, mit Leid, mit Enttäuschung, ohne Liebe und Mitgefühl. Und ein Leben, das ihm Angst machte, das ihm nicht geheuer war, dem er misstrauisch gegenüberstand. Zu recht. 

Er kannte die Welt nicht anders. Es war seine Welt. Und irgendwie nahm er es so hin. So ist er noch heute. Er stellt keine Ansprüche. Er nimmt einfach alles hin. Alles ist ok. Immer. Irgendwie.

Ich sah ihn dort in Spanien, als ich als Ehrenamtler in einem Refugio eine Woche aushalf, mit die anstrengendste Zeit in meinem Leben, eher psychisch anstrengend, als physisch. Aber nachdem wir mit Luke und Patch ja nun schon 2 Spanier hatten, wollte ich unbedingt mal sehen und erleben, aus welcher Welt sie kommen. Wie es dort um sie steht in Spanien. Man hört und liest und sieht viel im Internet. Aber ich wollte mir ein eigenes Bild machen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das sei ich ihnen schuldig. Einer der ersten Hunde, die ich dort in diesem Refugio sah, war Nicola. Und ich schaute jeden Tag nach ihm. Irgendwas hatte er an sich, das mich wie ein Magnet zu ihm zog. Als ich dorthin reiste, war nicht geplant, einen Hund zu adoptieren, nicht mal über eine Pflegestelle hatten Oli und ich vorab gesprochen. Ich wollte „nur“ eine Woche helfen. Mehr nicht. Ich dachte echt, ich würde das schaffen.

Noch während ich in Spanien war, sprach ich mit Oli… nein, wir diskutierten, ob wir nicht doch einem vierten Hund ein Zuhause schenken könnten. Es ging nicht konkret um Nicola. Ich hatte einfach das Gefühl, noch mehr helfen zu müssen, als nur dort zu sein. 

Aber wir beschlossen beide, dass für einen vierten Hund einfach kein Platz sei, keine Zeit sei, es war einfach nicht dran, nicht geplant, es war nicht richtig. 

Also machten wir einen Haken dran. Das war ok für mich. Ich fand auch, dass es die richtige Entscheidung war. Ich hatte mit Emmy, Luke und Patch das perfekte Rudel Zuhause. Perfekt. Wirklich perfekt. Für mich war es perfekt. Es könnte niemals besser werden. Nur schlechter. Das war mir ganz klar. Auf dem Weg nach Hause, ich war vom Kopf her wirklich fix und alle nach all den Eindrücken in Spanien, wuchs aber der Wunsch, zumindest eine Pflegestelle anzubieten. Wenigstens einem Engel, dessen Chancen echt schlecht standen, dort heraus zu kommen, zu einem Für-Immer-Zuhause zu verhelfen. Das war ein schöner Gedanke.

Wieder wurde diskutiert. Dieses Mal Zuhause. Oli und ich waren uns beide nicht ganz sicher, ob es die richtige Entscheidung wäre, aber mein Herz schrie so laut „TUUUUUU ES“. Wir hatten keine Chance, dagegen anzugehen.

Also füllten wir ein Formular aus und bewarben und damit als Pflegestelle. Für Nicola.

Nach einem Gespräch noch in Spanien mit der Leiterin des Refugios war mir klar geworden, dass wenn nur Nicola in Frage kam. Sie beschrieb ihn so, dass ich mir ganz sicher war, dass er mit meinen Hunden zurecht kommen würde und meine mit ihm. Das war meine größte Sorge: Jemanden ins Haus zu holen, der Unfrieden in meine friedliche Familie brachte. Ein Frieden, den ich sehr brauche und den ich nicht „auf’s Spiel setzen wollte“.

Der Verein sagte zu. Wir durften Pflegestelle für Nicola werden. Er war gerettet. Er kam dort raus und würde seine Familie finden. Dass wir das sein werden, hatte ich keine Sekunde gedacht. Ich wollte es nicht. Ich wollte, dass mein Rudel blieb, wie es ist. Ich wollte nur Starthilfe sein. Nicht mehr. Wirklich nicht.

Am 26. Januar holten wir ihn an einem Treffpunkt eine Stunde von unserem Zuhause entfernt ab. Es war bitterkalt. Ich war unglaublich nervös und aufgeregt. Und ich hatte Sorgen. Richtig viele Sorgen. Mein Gedankenkarussel spielte verrückt. Mir war richtig übel. 

Und dann hebte man ihn aus dem Transporter, er trug einen orangene Pulli mit bunten Punkten und war so schmal und so klein und so zart und so lieb.

Beide waren wir völlig nervös und überfordert. Wir waren uns ab der Sekunde so ähnlich. Das bemerke ich erst jetzt. Er ist mir so ähnlich. 

Die ersten Schritte mit ihm, doppelt gesichert. Er wusste nicht was los ist. Ich auch nicht.

Wir gingen schnell ins Auto, es war ja so kalt. Würde er randalieren? Angst haben? Sich einpinkeln (er wollte vorher nichts machen)?

Er machte nichts. Er lag da, neben meiner Freundin, ich fuhr.

Er machte keinen Laut, gab keinen Ton von sich.

Auf dem ganzen Weg nach Hause, machte ich mir Sorgen, wie es nun Zuhause sein würde, mit Emmy, Luke und Patch. Gäbe es Stress? Würden sie sich gut verstehen?

Wir parkten etwas vom Haus entfernt. Oli kam uns mit Emmy, Luke und Patch entgegen. Übliches Gemeckere von den Jungs. Nico blieb ruhig. Also gingen wir zusammen nach Hause.

Nico lernte im Wohnzimmer erst Emmy, dann Luke, dann Patch kennen.

Er stand einfach stocksteif da, ließ sie schnüffeln wo sie wollten. Er bot keinerlei Angriffsfläche, keinerlei Grund, böse auf ihn zu sein und ihn nicht friedlich zu begrüßen. Er wehte permanent mit seiner weißen Flagge und rief immerzu, dass er in Freundschaft und in Frieden komme. Und so war es. Ab der ersten Sekunde war alles geregelt. Meine drei nahmen ihn super lieb auf, zickten nicht einmal rum oder gaben mir das Gefühl, diese neue Situation nicht zu wollen, unglücklich damit zu sein. Ich war nie stolzer auf sie. 

Ich hatte mir völlig umsonst Gedanken gemacht. Mal wieder.

Obwohl er Schlimmes erfahren haben musste in der Vergangenheit, sein Körper ist schwer von Narben gezeichnet, sog er jede Berührung, jedes Streicheln ab dem ersten Moment auf wie ein trockener Schwamm. Er blieb immer wie eingefroren stehen. Man spürte die Skepsis, auf Zuckerbrot folgte bisher sicher meistens auch die Peitsche. Noch heute scheint er dem Frieden nicht immer ganz zu trauen. Aber er liebt es einfach. Er liebt die Nähe, die Zuwendung, die Zuneigung. Und er bekommt sie massenhaft.

Die ersten Wochen mit ihm habe ich fast jede Stunde des Tages mit ihm und den anderen 3 verbracht. Ich stellte mich darauf ein, dass die Suche nach seiner Familie sicher 4-8 Wochen dauern würde und legte alle Termine so, dass immer jemand Zuhause war. Ich selbst beschränkte meine Termine auf die nötigsten um als Bezugsperson für ihn da sein zu können.

Denn diese neue Welt, so viel schöner sie auch war, als seine alte, war dennoch erstmal bedrohlich und komisch und wir als Menschen irgendwie auch. Er lag den lieben, langen Tag in seiner Ecke auf dem Sofa (er nahm sie bereits in der ersten Stunde für sich ein) und gaffte und glotze den ganzen Tag, was um ihn herum geschah. Und er schlief und schlief und schlief.

Innerhalb weniger Tage war es so, als gehöre er schon längst zu unserem Rudel. Es war alles so klar. Der Tagesablauf änderte sich kaum durch ihn. Er lief einfach mit. Er war da, wo Emmy, Luke und Patch waren. Das waren seine Bezugspunkte. Sie haben ihm Sicherheit gegeben, ab der ersten Sekunde. Und auch das ist bis heute geblieben. Sie zeigen ihm das Leben und seine neue Welt. Nehmen ihn an die Pfote und machen ihre Welt zu seiner Welt. Sie sind toll! Und Nico nahm es dankend an.

Ich bemühte mich, ich bemühte mich wirklich sehr nicht zu sehr Bindung zu ihm aufzubauen, eine emotionale Distanz zu wahren. Es war super schwer. Distanz zu wahren zwischen 2 Herzen die sich zueinander hingezogen fühlen, ist echt schwer. Aber ich wollte daran festhalten, nur der Zwischenstop, nur das Sprungbrett zu sein. Das war weiterhin der Plan. Es verging Woche um Woche und niemand meldete sich für ihn. 4 Wochen… 5 Wochen… 6 Wochen… 6 Wochen war Nico nun Teil unseres Rudels, Teil unsere Familie, Teil von uns. Und ich merkte wie unglücklich ich wurde bei dem Gedanken, es könne sich nun jemand melden. Man könne ihn uns wegnehmen. Ihn mir wegnehmen. Sobald eine Nachricht des Vereins reinkam, setzte kurz mein Herz aus, weil ich dachte, das könnte nun DIE Nachricht sein. So konnte es nicht weitergehen. Da war dieser Hund, den ich nie adoptieren wollte, weil ich mein perfektes Rudel, meine perfekte Familie schon hatte und machte alles einfach noch perfekter. Mit ihm fühlte sich einfach alles so richtig an. Einfach. Es war alles so einfach mit ihm. Es war so klar. Und es kam der Moment, an dem ich begriff, dass mein Rudel, dass meine Familie ohne ihn nicht mehr perfekt sein würde. Dass ich nie mehr vollständig sein würde, ohne ihn.

Obwohl ich es nicht wollte, es nicht darauf angelegt hatte, ist er ein Teil von uns geworden. Ein Teil, der immer fehlen würde, wenn man es uns wegnähme. 

Wir diskutierten wieder, Oli und ich.

Schließlich hatten wir uns bewusst gegen einen vierten Hund und nur für eine Pflegestelle entschieden. Es war nicht der Plan. Es war nicht die Zeit. Es war nicht richtig. Das alles sagte der Kopf. Er sagte es immer und immer wieder. Aber das Herz, das ab der ersten Sekunde in Spanien kräftig für Nico schlug, das schlug auch in diesem Moment kräftig für ihn und es überstimmte den Kopf. Herz schlägt Kopf, egal wie viele ABER er hervorbrachte. 

Und ich verstand für mich etwas sehr wichtiges:

Es ist ok, Pläne zu machen. Es ist ok, sich zu überlegen, wo man hin möchte im Leben. Aber dabei sollte man auch immer offen sein für das, was das Leben selbst einem zeigen möchte. Es ist ok, sein Ziel fest vor Augen zu haben und seinen Weg zu gehen. Aber dabei sollte man offen sein, für die Gabelungen und Abzweigungen, die auf seinem Weg plötzlich auftauchen. 

Das Leben hält Überraschungen bereit, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Ohne diese Überraschungen wäre keiner meiner vier Hunde bei mir, hätte ich meinen Mann nicht kennengelernt, wäre ich nicht Hundefotografin geworden, hätte ich meine beste Freundin nicht kennengelernt. So viele Dinge, Menschen, Tiere, Begegnungen hätte ich versäumt, wenn ich nicht offen gewesen wäre für das, was das Leben mir zeigen wollte.

Ich habe es nie bereut.

Aus Überraschungen wurden Geschenke.

Und auch zu Nico Ja gesagt zu haben, haben wir nie bereut.

Auch er wurde zu einem Geschenk.

Es war nicht der Plan, nein. Aber es ist nun so viel besser als der Plan es vorgesehen hatte.

So viel besser.

Gerade schmeißt Nico wieder ein kleines Kuscheltier durch die Gegend und freut sich seines Lebens. Ich glaube, er denkt keinen Tag mehr zurück. Er macht es richtig. 

Natürlich hat er noch seine Ängste und Sorgen hier und da. Seine Narben, äußerlich, wie innerlich, werden nie ganz verschwinden. Aber er ist angekommen in seiner neuen Welt.

Und ich bin stolz und dankbar, dass ich Teil dieser Welt sein darf.

Ich liebe diesen Kerl. Den Kerl, der aussortiert wurde, den niemand haben wollte, den Niemand, der nichts war, das Nichts. Den liebe ich und ich bin froh um jeden Tag, den ich mit ihm verbringen darf.

Ich liebe das Leben und die Geschenke, die es einem manchmal macht.

Kostbare Geschenke, die der allerbeste Plan niemals hervorbringen könnte.

Liebes Tagebuch, das war eine ganz schön lange Geschichte. Ich wollte sie dir schon so lange erzählen.

Heute muss ich lächeln, wenn ich daran denke, wie aufgeregt und nervös ich war an dem Tag, als Nico in unser Leben trat. Hätte ich damals doch nur gewusst, dass dieser zarte Hund, den man mir am 26. Januar in den Arm drückte, eines der tollsten Geschenke ist, die ich jemals bekommen würde. Eingepackt in einem orangenen Pulli mit bunten Punkten. 

Bis bald!

Deine Julia

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